Mitgliederbrief

November 2002


FANG NIE AN AUFZUHÖREN,
HÖR NIE AUF ANZUFANGEN.

MARCUS TULLIUS CICERO


Jubiläum des Württembergischen Ingenieurvereins im VDI

"Technik sichert die Zukunft
- 125 Jahre WIV"

Das große Fest ist vorüber, der Anspruch aber bleibt. Schloss mit VDI-Fahnen
Einen Tag lang flatterten VDI-Fahnen vor dem Neuen Schloss in Stuttgart, in dessen Weissen Saal am 27. Juni der Festakt zum Jubiläum begangen wurde.

Festakt im Neuen Schloss
Strahlender Sonnenschein empfing die Gäste auf dem Schlossplatz, zu denen auch die Teilnehmer der Exkursionen am Vormittag stießen. In festlicher Stimmung drängelten sich gegen 400 Personen im Vestibül, um schließlich über das mit Buchsbäumen geschmückte Treppenhaus in die "gute Stube" des Landes zu treten. Sie hätte größer sein sollen, um alle angemeldeten WIV-Mitglieder und deren Begleitung aufzunehmen. So musste - wie angekündigt - das Los darüber entscheiden, wer zu den glücklichen Gästen gehören sollte.
Punkt 17 Uhr betritt Ministerpräsident Erwin Teufel den Saal - nur der, der ihn begrüßen soll, fehlt. Prof. Bullinger, unser Vorsitzender, steckt irgendwo im Ländle im Stau. Routiniert - er hatte sicher schon diffizileres zu bewältigen - übernimmt Prof. Haller das Vortragen der von Prof. Bullinger zu Papier gebrachten Begrüßungsrede an die Ehren- und Festgäste.

 


VDI-BALL 2002
Samstag, 30. November in der Stuttgarter Liederhalle

 


Ehrengäste

Ministerpräsident Erwin Teufel neben dem Vorsitzenden des WIV, Prof. Bullinger, und seinem Vorgänger Prof. Vöhringer (links) 

Vor 125 Jahren mit Kutsche
Er erinnert daran, dass die Gründungsväter des WIV vor 125 Jahren mit der Kutsche angereist waren. Technische Entwicklungen, wie die Elektrotechnik, der Verbrennungsmotor und der Luftverkehr haben seitdem zu gravierenden Umwälzungen in der Gesellschaft geführt, haben Arbeit und Wohlstand für viele gebracht. Simply NiceNegative Ingenieur-Entwicklungen wurden gleichzeitig möglich - um so wichtiger ist das Thema der Verantwortung des Ingenieurs und der Wissenschaft. In diesem Zusammenhang nennt der Vorsitzende den diesjährigen Parlamentarischen Abend oder das Wirken des Arbeitskreises Gymnasium und Wirtschaft für den technischen Nachwuchs. Vor 50 Jahren hatte der WIV knapp 2000 Mitglieder, heute 13000. Er ist damit der mitgliederstärkste Bezirksverein des VDI.

Die heutigen Anforderungen an die Ingenieure sind hoch. Deshalb haben die Mitglieder des VDI - und nicht nur sie - Zugriff zu dem umfangreichen Weiterbildungsangebot des WIV, das von 20 Arbeitskreisen unterstützt wird. Der WIV unterhält dafür als einziger Bezirksverein in der Bundesrepublik ein eigenes großes Seminarhaus. Ohne das ehrenamtliche Engagement vieler Mitglieder wäre die umfangreiche Arbeit im WIV nicht möglich.
Abschließend verweist der Vorsitzende auf den zunehmend rascheren Fortschritt der Technik in Bezug auf neue Energiequellen, Medien, Verkehr, Kommunikation und vieles mehr. Vor dieser Herausforderung möge - nach Ortega y Gasset - "der Ingenieur erkennen, dass es, um Ingenieur zu sein, nicht genügt, Ingenieur zu sein".

Im Bild: Die Pantomimengruppe "Simply Nice" zu Mensch-Technik-Beziehungen von der Steinzeit bis morgen

 

Festsaal

Beim Festakt in der ersten Reihe des Weissen Saals blieb ein einziger Stuhl unbesetzt - glücklicherweise nur zu Beginn

"Spätzünder"
Das Grußwort für den VDI überbringt Ing.(grad) Helmut Petri, Mitglied des Präsidiums des VDI. Obwohl der WIV erst 21 Jahre nach Entstehen des VDI gegründet wurde, habe der WIV nach wenigen Jahren maßgeblichen Einfluss auf den technischen Fortschritt in Baden-Württemberg genommen. Bereits damals entstanden fundamentale Erfindungen in rascher Folge, wie Ottomotor, Telefon und Glühlampe innerhalb von 3 Jahren. Der Wandel seinerzeit sei wohl nicht wesentlich langsamer, aber um so tiefgreifender gewesen.
Waren zu Anfang die Mitglieder meist leitende oder selbständige Ingenieure, so hat sich die Struktur im Laufe der Jahre zunehmend zu Ingenieuren in nichtleitenden Funktionen verschoben. Dieser auch gesellschaftlich erkennbaren Umschichtung hat der VDI Rechnung getragen, und kümmert sich stärker um die Anliegen der Jungmitglieder. Dazuhin ist die Internationalisierung des VDI fester Bestandteil seiner Strategie.
Dennoch ist und bleibt die regionale Strukturierung das Fundament des VDI. Durch die lokalen Beziehungen der Bezirksvereine zu Politik und Wirtschaft hat sich der VDI hohes Ansehen erworben. Dafür dankt Herr Petri im Namen des Präsidiums. Als Erinnerungsgeschenk des VDI überreicht Herr Petri Prof. Haller das Faksimile eines Glückwunschs des WIV für Fürst Bismarck zu dessen 80.Geburtstag.

Der Ministerpräsident und die Ingenieure
Als Thema seiner mit Spannung erwarteten Ansprache wählte Ministerpräsident Erwin Teufel: "Herausforderungen an die Ingenieure und ihre Chancen im zukunftsorientierten und innovativen Baden-Württemberg".
Auch der Ministerpräsident erinnert an die Impulse, die vom WIV seit seiner Gründung ausgingen: Errichtung der Materialprüfungsanstalt und eines Lehrstuhls für Elektrotechnik, der erste seiner Art im deutschen Reich, beide an der Technischen Hochschule Stuttgart, oder Vorträge über technische Errungenschaften, die nicht selten auch den königlichen Hof anzogen. Herausragende Persönlichkeiten als Vorsitzende verliehen dem Wort des Vereins besonderes Gewicht.
Zweierlei dürfe man behaupten:
Das Ingenieurwesen zeichnet wie wenig andere Berufs-felder verantwortlich für die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft - und -
Unser heutiger Lebensstandard basiert zu einem guten Teil auf einem kontinuierlichen Strom technologischer Spitzenleistungen.
Jedoch: Ein Ausruhen auf errungenen Lorbeeren kann sich heute niemand leisten, denn auch in Zukunft gibt es zahlreiche Herausforderungen für Ingenieure, wie Weiterentwicklungen oder Erschließen ganz neuer Technologiefelder, z.B. die Nanotechnologie oder die Brennstoffzelle.

Zu wenig Ingenieurstudenten
Mit Sorge sieht Erwin Teufel die Zurückhaltung der Jugend gegenüber den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studienfächern. Hier nimmt Deutschland den letzten Platz in Europa ein. Mit der Schwierigkeit des Studiums und den vermeintlich noch immer schlechten Berufsaussichten allein will der Redner das Problem nicht begründen. Vielmehr sei ein deutlicher Ansehensverlust des Ingenieurberufs bei der Bevölkerung festzustellen. Auch die unterschiedliche Wertung der Wissensgebiete, die zur Allgemeinbildung zählen, trage zu dem geringen Ansehen bei. Die in weiten Teilen Deutschlands verbreitete Skepsis gegen nahezu alle neuen Technologien sei ein offenbar tiefsitzendes gesellschaftliches Phänomen, die Erwin Teufel als fahrlässig, töricht und ignorant brandmarkt.

Kontra Ignoranz
Wir brauchen die Einsicht in unserer Gesellschaft, dass unser Wohlstand auf technischen Höchstleistungen beruht und wir alles tun müssen, um an der Spitze des Fortschritts zu bleiben. Das beginnt bereits in der Familie. Jugendlichen sollen die guten Chancen des Ingenieurberufs vermittelt werden. Wir brauchen die Flankierung durch die Medien. Unternehmen können durch weitblickendes Personalmanagement den Ingenieurberuf attraktiv erscheinen lassen.
Mit der Darstellung der vielfältigen Aktionen des Landes Baden-Württemberg zur Behebung des Ingenieurmangels und einem Ausblick auf den am folgenden Tag stattfindenden "Tag des Ingenieurs" des WIV, dem der Ministerpräsident einen erfolgreichen Verlauf wünscht, schließt Erwin Teufel seine engagiert vorgetragene Ansprache.
Das Publikum dankt ihm mit lang anhaltendem Beifall. Prof. Bullinger, inzwischen dem Stau entkommen, dankt mit herzlichen Worten, mit denen die langjährige Vertrautheit der beiden Persönlichkeiten zum Ausdruck kommt. Bevor sich die Festgäste zum Stehimbiss begeben, schließt die Künstlergruppe "Simply Nice", die in den Pausen zwischen den Redebeiträgen die Gäste mit der pantomimisch vorgetragenen Entwicklung der Technik erfreuten, mit einer letzten Sequenz ihre Vorstellung ab.

Dr. Fuchs, Helmut Petri, Prof. HallerStets im Dienst - Dr. Fuchs, Direktor des VDI (links) mit Präsidiumsmitglied Helmut Petri und Prof. Haller (stv. Vors. des WIV)

Mingram, LangVon Ulm angereist: Adolf Mingram, Joachim Lang mit Gattin (von rechts)

van der List, Wensch, Böhringer, PollamnnIn festlich-froher Laune: Prof. van der List mit Gattin, Dietrich Wensch, Heinz Böhringer, Prof. Pollmann (von rechts)

 

Exkursionen und "Tag des Ingenieurs"

Das Jubiläum sollte - wie es sich für Ingenieure gehört - nicht allein mit den Weihen eines Festakts begangen werden. Deshalb wurden Exkursionen zu produzierenden Unternehmen des Landes geboten, denn Informationen, die man vor Ort sammeln kann, werden stets besonders geschätzt.

Neun offene Unternehmen
Von den zentralen Städten der 6 Bezirksgruppen aus starteten am 27. Juni morgens Busse, von Stuttgart aus waren es sogar drei. Folgende Firmen öffneten für uns ihre Tore, was Organisatoren und Teilnehmer dankbar begrüßten:

  • Robert Bosch GmbH, Stuttgart Feuerbach
  • DaimlerChrysler AG, Stgt.-Untertürkheim
  • Index-Werke GmbH&Co, Esslingen
  • MANN+HUMMEL GmbH, Ludwigsburg
  • Andreas Stihl AG&Co, Waiblingen
  • EMAG Maschinenfabrik GmbH, Salach
  • Ballard Power Systems AG, Nabern/Teck
  • Sigloch Gruppe, Blaufelden
  • TRUMPF GmbH+Co.KG, Ditzingen

Nachmittags fuhren alle Busse zum Festakt in Stuttgart, so dass zur Feier die Präsenz auch entfernt wohnender Mitglieder gegeben war.

Tag aller Ingenieure?
Zentrale Veranstaltung des Jubiläums jedoch sollte der "Tag des Ingenieurs" am folgenden Freitag sein. Leider aber - auch das muss gesagt werden - war der Zuspruch im Gegensatz zum (kostenlosen) Festakt mager. Wie anders soll man es nennen, wenn sich gerade mal 1,5 % der Mitglieder zu einer Teilnahme aufraffen? Die Frage ist: Kann man als Veranstalter mehr bieten als ein solches Themenprogramm, für das zudem herausragende Vortragende gewonnen wurden?

Warnecke, Leibinger, Döring

An der Plenarsitzung trugen vor: Wirtschaftsminister Dr. Walter Döring, Prof. Berthold Leibinger und Prof. Jürgen Warnecke

 

 Podiumsdiskussion

Die Podiumsdiskussion moderierte Prof. Bullinger (3. von rechts) mit den Herren Dr. Seipler, Dr. Fuchs, Staatssekretär Mappus, Erich Klemm, Prof. Seiffert (von links)

 

Zufriedene Teilnehmer
Diejenigen jedenfalls, welche kamen, zeigten sich durchweg von den Vorträgen zufrieden bis begeistert. Die Räume im Haus der Wirtschaft, in denen die Sitzungen stattfanden, waren immerhin so belebt, dass es nicht groß auffiel, dass noch eine Hundertschaft Zuhörer mehr hätte Platz nehmen können. In den Pausen wurde rege weiter diskutiert. Zu Mittag gab's mehr als reichlich Maultaschen, Salate und Nachtisch.
Nach der Begrüßung durch Prof. Bullinger trat Wirtschaftsminister Walter Döring als Hausherr für ein Grußwort ans Rednerpult. Er musste uns aber gleich darauf wieder verlassen, um in seinem benachbarten Ministerium den "Tag der offenen Tür" zu eröffnen.
Zwei Plenarvorträge folgten, die uns lange im Gedächtnis bleiben werden. Prof. Leibinger wählte für sein Referat den bekennenden Titel "Vom Glück des Erfindens". Einmalig, wie es ihm gelang, die Faszination des Ingenieurberufs mit klaren und prägnanten Sätzen zu schildern. Den Vortrag "Faszination Technik ist notwendig, aber nicht hinreichend" von Prof. Warnecke hätte man beinahe als Coreferat zu dem von Prof. Leibinger bezeichnen können. Er rundete ab, was bei Leibinger ungesagt blieb.

Breite Themenauswahl
In der folgenden Pause teilten sich die Zuhörer in 3 Gruppen auf, die in verschiedenen Vortragsräumen vor und nach der Mittagspause je 3 weiteren Referaten folgen konnten. Die Themenblöcke trugen die Titel Energie und Mobilität, Faszination Technik und Ingenieure im Wandel der Gesellschaft.
Es gab wahrlich viel zu hören. Um so erfreulicher war die große Zahl derer, die ab 16 Uhr zur Podiumsdiskussion blieben und auch neu hinzukamen. Prof. Bullinger moderierte verbindlich und dennoch nachfragend die Diskussionsteilnehmer, welche die Bereiche Technik, Bildung (VDI), Politik, Arbeitgeber und Arbeitnehmer vertraten.
Kurzfassungen der Vorträge am "Tag des Ingenieurs" und die Rede des Ministerpräsidenten am Festakt können in einer Dokumentation zum Jubiläum, die zum VDI-Ball 2002 erscheinen wird, nachgelesen werden.

Helmut Dobler
 

Marquard-Schmidt, Schenk, Hahner, RoosAst, Bach, Schmidt, Idler

In den Pausen kamen alle zu Wort: Frau Ines Marquardt-Schmidt, Gustav Schenk, Reinhard Hahner, Prof. Roos (Bild links).

Versammelte Kompetenz zum Fachgebiet Technische Gebäudeausrüstung: Professoren Ast, Bach, Schmidt und Dr. Idler, der auch die Fotodokumentation des Jubiläums übernahm (Bild rechts, von links) 

Herausgeber: Württembergischer Ingenieurverein im VDI
Hamletstr. 11, 70563 Stuttgart

Redaktion: Dipl.-Ing. Helmut Dobler
helmut.dobler@web.de

Umbruch für das Web bearbeitet: Dr. G. Hellbardt
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